Ein Grund für die Zukunft!
Karlsruhe, 26. Februar 2010
Für neue Ideen sensibel machen
dm-Gründer Götz W. Werner spricht im Schauspielhaus Stuttgart mit OB Boris Palmer und Adrienne Goehler über das Grundeinkommen.
„Die Kunst hat die Aufgabe, für neue Ideen sensibel zu machen. Die Gesellschaft hat die Aufgabe, Ideen hervorzubringen“, sagte Prof. Götz W. Werner, dm-Gründer und Leiter des Instituts für Entrepreneurship am Karlsruher Institut für Technologie am vergangenen Donnerstag im Schauspielhaus Stuttgart. Mehr als hundert Gäste waren seiner Einladung gefolgt, das Theaterstück „Nachtasyl Stuttgart“ auf sich wirken zu lassen. Das Stück basiert auf Dutzenden von Interviews mit Stuttgarter Bürgern, die als Opfer der Wirtschaftskrise von Schauspielern unter der Regie von Volker Lösch in Szene gesetzt wurden. Im Anschluss an das Theaterstück sprachen Boris Palmer, Tübingens Oberbürgermeister (Die Grünen), Adrienne Goehler, die ehemalige Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste in Berlin und Werners Mitautorin des im Herbst erscheinenden Buches „Revolution im Kopf“ mit Götz Werner über die drängenden Fragen an einer Zeitenwende. Die Wirtschaftskrise birgt die Chance zum radikalen Umdenken, die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens könnte eine Lösung sein, darin waren sich die Diskutanten einig. Allerdings sei mit der Krise die Bereitschaft für notwendige Veränderungen bei den meisten Menschen noch nicht angekommen, diagnostizierte Palmer und zitierte aus dem Stück auf die Frage “Was wäre Ihr Traum?” die Antwort des Kurzarbeiters aus dem Stück: “Ganz einfach, diese Krise weg und dann wie davor so weiter”. “Nachtasyl Stuttgart” hat die Aufgabe wachzurütteln oder wie Dramaturg Dr. Jörg Bochow formulierte “zu einem Diskurs anzuregen”. Und so werden die Zuschauer am Ende des Stücks mit unzähligen Fragen ins Kreuzverhör genommen: “Finden Sie es gerecht, dass zwei Prozent der Gesellschaft über 50 Prozent des Vermögens besitzen? Ja oder Nein? Würden Sie Ihren Arbeitsplatz und Ihr Einkommen mit jemandem teilen? Ja oder Nein? Ist der Kapitalismus dauerhaft das beste System? Ja oder Nein?" Mit guten Nachrichten wartete Adrienne Goehler von Ihrem Besuch aus Namibia auf und berichtete über die Erfahrungen im Dorf Otjivero/Omitara, wo die Menschen seit zwei Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen beziehen: „Es gab seit der Einführung des Pilotprojektes keinen Fall von Unterernährung von Kindern. Die Behandlung von Aidspatienten ist möglich, weil die Menschen nicht mehr hungern und infolge dessen die Medikamente vertragen“, erläuterte sie die Folgen. Egal ob als Entwicklungshilfe in Afrika oder ob als Kulturminimum hierzulande, das bedingungslose Grundeinkommen ist Grundlage für ein in Freiheit selbst bestimmtes Leben: „Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.“ Mit diesem Ausspruch Friedrich Schillers entließ Götz Werner die Besucher nach Hause, viele um eine Frage reicher, nämlich: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?
Das bedingungslose Grundeinkommen
Warum brauchen wir das bedingungslose Grundeinkommen?
Die Produktivitätssteigerungen seit Beginn der industriellen Revolution haben sich im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch einmal wesentlich verstärkt, was zu leistungsfähigeren Volkswirtschaften und zu einem höheren Lebensstandard ihrer Bevölkerungen geführt hat. Die Produktivität, die in Gesellschaften materieller Unterversorgung den Effekt zunehmenden Wohlstands hat, führt in Volkswirtschaften mit gesättigten Märkten zu struktureller Arbeitslosigkeit und zu einer ‚Befreiung des Menschen von der Arbeit’. Zwar ist dies das Ergebnis derselben Optimierungen, die zu einer immer besseren Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen mit immer geringerem Arbeitsniveau geführt hat und führt, jedoch haben Gesellschaften mit gesättigten Volkswirtschaften noch nicht gelernt, damit umzugehen und beklagen deshalb die zunehmende Arbeitslosigkeit, ohne die darin liegenden Chancen zu erkennen.
Wie wirkt ein bedingungsloses Grundeinkommen auf unsere individuelle Lebensgestaltung?
Der Impuls
Der Vorschlag, ein allgemeines Grundeinkommen in Verbindung mit einer Umstrukturierung des Steuerwesens - von der Ertrags- zur Konsumbesteuerung - einzuführen, hat in der breiten Öffentlichkeit sowohl Zustimmung als auch Ablehnung hervorgerufen. Was sind die Gründe für dieses geteilte Echo?
Bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet: für jeden einzelnen gibt es Freiraum zur Selbstbestimmung. Eine solche Idee macht Mut: ist es an der Zeit, einen solchen Schritt zu wagen?
Die Ausgangslage
Mit dem auf innovativem Geist beruhenden technischen Fortschritt haben wir im wirtschaftlichen Leben einen enormen Zuwachs an Produktivität erzielt. Die Folgen des technischen Fortschritts scheinen jedoch paradox: trotz gestiegener Produktions- und Versorgungsfähigkeit nehmen Armut und soziale Ungleichheit zu. Erwerbsarbeit wird zunehmend einkommenslos - die ökonomische Entwertung der Arbeit -, gleichzeitig werden Einkommen in Form steigender Kapitalerträge zunehmend ohne Arbeit erzielt.
Grundeinkommen. Der neue Weg?
Die Politik reagiert auf diese paradoxe Faktenlage und Entwicklung, indem sie gebetsmühlenartig neue "Jobs" fordert. Die Lösung der Probleme wird jedoch immer teurer. Die Kosten der sozialen Ungleichheit wie ihrer Verwaltung und die Zerstörung von Leistungsbereitschaft nehmen weiter zu. Bekommen wir den Blick auf im Grunde nahe liegende Lösungen frei?
Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens zeigt einen Weg, auf dem erste Schritte in die erforderliche Richtung möglich sind. Die bestehenden sozialen Transfersysteme gehören bereits heute zu diesen Grundeinkommenselementen. 720 Mrd. € werden bereits jährlich bewegt. Wäre mit dieser Finanzmasse der Einstieg in das Grundeinkommen finanzierbar?
Was folgt daraus?
Mit einem solchen Grundeinkommen würden die Bürger unseres Landes enorme Freiraumzuwächse für von ihnen selbst gewählte Tätigkeiten erhalten. Mit der ergänzenden Umstellung des Steuersystems - von der Einkommens- und Ertragsbesteuerung hin zur Konsumbesteuerung - würden Leistungsentfaltung und Arbeit nicht mehr belastet. Wären dann nicht gesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne durch freigesetzte Initiative zu erwarten?







